Mythos Fachkräftemangel

Mit Interesse lese ich regelmäßig Artikel zum Thema Fachkräftemangel in der IT. Als ehemaligem BITKOM-Hauptvorstandsmitglied und IT-Unternehmer seit 1993 sind mir diese Diskussionen mehr als wohl vertraut.

Doch auch ständige Wiederholungen sorgen nicht dafür, dass ich diesen Aussagen Glauben schenke.

Sämtliche Diskussionen und alles Gejammer der Firmen machen auf mich eher den Eindruck eines Ablenkungsmanövers. Was ich glauben kann ist die Tatsache, dass viele Firmen eigentlich mehr Geschäft, Projekte, Produktverkäufe, etc. einfahren könnten – wenn ihre Mitarbeiter dafür Zeit hätten. Ok, das kaufe ich ihnen gerne ab.

Die Lösung? Man braucht mehr Mitarbeiter. Angeblich. Wenn dann in dem Moment in Deutschland zu wenige ausgebildete Mitarbeiter zur Verfügung stehen, dann haben wir natürlich einen Fachkräftemangel. Es scheint ja keine andere Lösung zu geben.

Oder gibt es doch eine Lösung?

Dass weit über 50% aller Mitarbeiter völlig ineffizient eingesetzt und täglich tausende von Arbeitsstunden durch sinnlose Monster-Besprechungen verschwendet werden, darüber redet niemand. Dass, je nach Studie, 30 – 70% aller IT-Projekte wegen Erfolglosigkeit eingestellt werden, auch das sorgt für keine Verhaltensänderung. Sonderbar.

Die Definition von Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten
sagte Albert Einstein. Wie wahr, wie wahr.

Statt dass die Unternehmen sich einfach einmal an die eigene Nase packen und dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter endlich ihren Job machen können!

Ein kleines Rechenbeispiel:
Gehen wir davon aus, dass 20.000 IT-Kräfte fehlen. Laut BITKOM arbeiten in der ITK-Branche rund 830.000 Personen (BITKOM-Website 19.03.2011).

Nehmen wir weiter an, dass nur 10% dieser Mitarbeiter, also 83.000 zu den Menschen gehören, die in den Dauer-Meetings gefangen sind und mehr als 50% ihrer Arbeitszeit in Besprechungen verbringen.

Dann stellen wir uns doch einmal vor, wir würden jedes 5. Meeting ausfallen lassen. Oder besser gesagt: wir würden so arbeiten, dass wir weniger Besprechungen brauchen. Damit würden wir schlagartig dafür sorgen, dass 8.300 Personenjahre* verfügbar sind. Und das sind 8.300 Arbeitsplätze oder angeblich fehlende Fachkräfte. Eine einfache Maßnahme und mehr als 1/3 des Bedarfs ist gedeckt. Noch dazu durch erfahrene Mitarbeiter…

Doch das ist sehr hypothetisch. In Wirklichkeit werden deutlich mehr als diese 10% mehr als die Hälfte ihrer Zeit in Besprechungen vergeuden.

Soll ich jetzt noch darüber sprechen, welches Potential man heben kann, wenn ein Teil der erfolglosen Projekte gar nicht erst durchgeführt würden? Sie meinen, das kann man nicht vorhersehen? Dann muss man nur mal ein paar erfahrene Mitarbeiter fragen – die sagen einem sehr schnell, welche Projekte schief gehen werden. Mitarbeiter sind nicht dumm. Blöd ist nur, dass auf diese Mitarbeiter nicht gehört wird.

Ja, es gäbe schon recht wirksame Lösungen gegen den Fachkräftemangel: Man müsste nur dafür sorgen, dass die Mitarbeiter endlich richtig arbeiten können. Wenn dann auch noch die für unnötige Besprechungen verantwortlichen, meist ungeeigneten Führungskräfte entweder richtig ausgebildet oder ihrer Führungsaufgabe entbunden würden, dann hätten wir sicherlich kein Fachkräfteproblem mehr.

(*Zum Nachrechnen: 83.000 Mitarbeiter = 83.000 Personenjahre, davon 50% der Arbeitszeit macht 41.500 Personenjahre die in Besprechungen verbracht werden. Sparen wir jedes 5. Meeting ein, d.h. 20%, landen wir bei 8.300 Personenjahren)