Groupthink – Gruppendenken & die Bedeutung für Teamführung [Psycho-Wissen für Führungskräfte]

6. März 2020
Axel Rittershaus
Groupthink Gruppendenken Psycho-Wissen für Führungskräfte

Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie in einer Besprechung saßen und dabei eine ganz klare Meinung hatten. Im Verlaufe des Meetings bekamen Sie den Eindruck, dass Sie der einzige sind, der anders denkt. Und bei der anschließenden Abstimmung haben Sie die Meinung der Gruppe unterstützt, obwohl Sie immer noch dachten, dass Ihre ursprüngliche Meinung richtig ist? Dann haben Sie Gruppendenken oder Group Think im realen Leben an sich selbst beobachten können.

Vielleicht ging es Ihnen auch so, dass nicht Sie Ihre Meinung verändert haben, sondern jemand anderes. Jemand, der Sie unterstützen wollte, wurde durch das Gruppendenken beeinflusst – und Sie standen plötzlich alleine da.

Leicht schieben wir dieses Verhalten auf eine individuelle, persönliche Charakterschwäche einer solchen Person.

Dabei finden wir das Phänomen des Groupthink in nahezu jeder Gruppe.

Doch, was ist Gruppendenken eigentlich?

Definition Gruppendenken / Groupthink

Gruppendenken bzw. Groupthink bezeichnet das Verhalten von Menschen, sich innerhalb einer Gruppe der Meinung oder dem Urteil der Mehrheit anzuschließen, obwohl man eine andere Meinung hat oder gar davon überzeugt ist, dass das Urteil falsch ist. Ursache können Harmoniebedürfnis, Angst, Wunsch nach Zugehörigkeit und andere verhaltens-psychologische Gründe sein.

Der Begriff Groupthink wurde 1972 vom Psychologen Irving Janis geprägt. Janis analysierte Entscheidungen der amerikanischen Außenpolitik, die sich als schlechte Entscheidungen entpuppt hatten. Dabei kam er zu dem Schluss, dass diese insbesondere durch gruppendynamische Ereignisse zustande kamen. Beteiligte hätten sich, entgegen ihrer eigentlichen Überzeugung und Meinung, der Gruppe angeschlossen. Daher der Begriff des Gruppendenkens (Groupthink).

Beispiele für Groupthink (Gruppendenken)

Gruppendenken wird auch heute in Studien beobachtet. Doch kaum eines zeigt das Verhalten so schön und einfach verständlich, wie eine der bekanntesten Studien zum Groupthink:

Dem Asch-Konformitäts-Experiment.

Dabei wurden Studienteilnehmern ganz einfache Skizzen mit unterschiedlich langen Strichen gezeigt. Sie sollten bestimmen, welcher Strich genauso lang ist, wie ein Referenzstrich.

Die Gruppe gab bewusst falschen Antworten, um zu prüfen, wie sich der Teilnehmer verhalten würde. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz schloß sich dann der, ganz offensichtlich, falschen Lösung an.

Aber… Sehen Sie selbst.

Selbst wenn Ihr Englisch nicht so gut sein sollte, werden Sie Ihre Freude an diesem Video haben:

Doch es geht nicht nur um das Denken von Gruppen.

Auch das grundsätzliche Verhalten einzelner wird durch die Gruppe beeinflusst.

Eines der schönsten Videos ist das folgende Elevator Experiment.

Sie werden Ihr Lachen kaum zurückhalten können…

Warum ist Groupthink (Gruppendenken) kritisch?

Die Beispiele haben Ihnen sicherlich deutlich gezeigt, dass Gruppendenken zu völlig falschen Entscheidungen führen kann.

Je bedeutender die Entscheidung, desto fataler sind die Auswirkungen.

Eines der aktuellsten Beispiele für solche Auswirkungen sind die Erkenntnisse, die im Rahmen der Ermittlungen um den Boeing 737MAX Skandal ans Licht gekommen sind.

Wenn sich Mitarbeiter von Boeing gegenseitig E-Mails schreiben und dabei feststellen, dass sie selbst und ihre Familie niemals in diesem Flugzeug fliegen würden, ist das mehr als alarmierend. Dennoch beim Unternehmen zu bleiben und an diesem Flugzeug mitzuarbeiten, ist eine der fatalsten Auswirkungen unseres Verhaltens in einer Gruppe.

Weil die kritische Masse an Mitarbeitern, die offen gegen den Weiterbau des Flugzeugs Stellung bezogen, nicht erreicht wurde, haben alle weitergemacht, als wenn nichts wäre. (Mehr dazu in diesem Artikel auf Forbes)

Für Sie als Führungskraft ist das in mehrfacher Hinsicht bedeutsam:

1. Sie selbst können durch Groupthink Entscheidungen unterstützen, hinter denen Sie nicht stehen – um dann später ggf. festzustellen, dass nahezu alle in der Gruppe eigentlich Ihrer Meinung waren, man sich aber nicht geäußert hat

2. Ihre Mitarbeiter/Teams werden von Gruppendenken beeinflusst. Das ist ein Fakt. Sorgen Sie daher dafür, dass insbesondere bei wichtigen Entscheidungen die Wahrscheinlichkeit von Groupthink minimiert wird (siehe Tipps am Ende dieses Artikels)

3. Sie selbst könnten die Ursache für Groupthink sein, sowohl bewusst als auch ganz unbewusst, und dadurch von Ihrem Team nicht deren Meinung erfahren, sondern die Meinung, von der Ihr Team glaubt, dass Sie diese erwarten

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Welche Gründe kann es für das Gruppendenken geben?

Oft wird im Zusammenhang mit Gruppendenken nur das Harmoniebedürfnis von Menschen angeführt. Man wolle keine unangenehmen Diskussionen führen oder sich gegen die Meinung anderer stellen.

Das ist ganz sicher ein Grund.

Doch es gibt noch viel mehr Ursachen, die zu Groupthink führen.

Dazu gehören unter anderem:

  • Die Angst, ausgegrenzt zu werden, wenn man sich gegen die Gruppe stellt
  • Das Thema ist einem nicht wichtig und man wählt den bequemsten Weg
  • Man stimmt aus politischen/taktischen Gründen zu, um beispielsweise danach einen eigenen Vorschlag durchzubekommen
  • Man hat eine negative Erfahrung gemacht, nach der man entweder von der Gruppe oder einer Führungskraft angesprochen wurde, man „solle nicht so destruktiv“ sein, sondern „auch mal positiv und optimistisch an eine Herausforderung“ herangehen. Oder nicht „immer nur auf Risiken, sondern mehr auf Chancen achten“ – und wagt es seitdem nicht mehr, kritische Punkte anzusprechen
  • Befindet man sich in einer Gruppe von Experten und hat eine andere Meinung, hält man diese meistens zurück, da „man nicht so viel Wissen wie die Experten“ hat
  • Generell neigen Menschen dazu, dazugehören zu wollen. Wenn wir die Evolution betrachten, dann haben wir Menschen nur überlebt, weil wir in Gruppen agiert haben. Wer in der Steinzeit aus seiner Gruppe vertrieben wurde, reduzierte seine Überlebenschancen radikal – da schluckt man seinen Ärger lieber auch einmal runter
  • Wir werden von Kindesbeinen an dazu erzogen uns anzupassen und nicht aufzufallen. Anders sein ist etwas, was eher suspekt ist. Wer mit der Gruppe stimmt, fällt nicht auf!
  • Wir haben Angst davor, dumm auszusehen, wenn wir uns nicht so verhalten, wie der Rest der Gruppe („vermutlich wissen die anderen mehr als ich„)

Groupthink Gruppendenken

Was Führungskräfte gegen Groupthink und Gruppendenken tun können

Wir haben gesehen, dass es zu viele Ursachen für Gruppendenken gibt, um dieses Phänomen als Führungskraft einfach zu umgehen.

Doch es gibt zum Glück diverse Optionen, die wir als Führungskraft ziehen können.

Führungsmethoden, um Groupthink (Gruppendenken) zu verhindern oder abzumildern:

  1. Teams zusammenstellen, die sowohl unterschiedliches Fachwissen als auch unterschiedliche Charaktere umfassen (siehe auch Fixed/Growth Mindset in der Führung)
  2. Als Führungskraft immer erst am Ende einer Besprechung seine eigene Meinung äußern
  3. Als Führungskraft in Entscheidungsprozessen, insbesondere während der Entscheidungsfindung, nicht anwesend sein, sondern die Gruppe alleine agieren lassen
  4. Die Gruppe dazu verpflichten, eine Lösung für das Gegenteil des eigentlichen Ziels zu finden und dann daraus Schlüsse für das eigentliche Ziel zu ziehen (z.B. statt „Wie gewinnen wir 20% mehr Kunden?“ plant man „Wie vergraulen wir alle Kunden?“ – diese Technik nenne ich Darth Vader Methode und stammt aus meinem Online-Training Teams erfolgreich führen und weiterentwickeln)
  5. Ein oder zwei Teammitglieder vertreten bewusst eine gegenteilige Meinung (Advocatus Diaboli)
  6. Man trennt die Gruppe in zwei oder drei Teilgruppen und lässt jede ein Ergebnis erarbeiten
  7. Falls die Entscheidung/Lösung für jemand anderen ist, beispielsweise Kunden, holt man diesen in den Prozess dazu
  8. Man holt Experten dazu
  9. Man holt völlig unbefangene Personen dazu, stellt ihnen die Situation, Herausforderung, Optionen, etc. vor und fragt sie, was sie davon halten (hier kommt meistens eine neue Perspektive zum Vorschein, die zuvor durch das Groupthink ausgeblendet oder unterdrückt wurde)
  10. Abstimmungen erfolgen anonym
  11. Abstimmungen erfolgen, indem jeder seine Meinung auf ein Blatt notiert und dieses entweder eingesammelt und ausgewertet oder danach vorgelesen wird. Wichtig ist, dass die Entscheidung von jedem einzelnen getroffen werden muss, bevor man die Meinung der anderen hört (je länger die Diskussion davor jedoch bereits war, desto eher setzt auch hier Gruppendenken ein)

Fazit Gruppendenken

Wir können Groupthink nicht komplett verhindern. Denn es ist eine tief verwurzelte Eigenschaft der Menschen.

Es gibt jedoch Unternehmenskulturen, die offenen Dialog fördern – weil die Führungskräfte diese fördern.

Unternehmen, in denen offen über Fehler gesprochen wird, gehören dazu. Eine solche Fehlerkultur, bei der auch Führungskräfte vor ihren Mitarbeitern über eigene Fehler und Fehlentscheidungen sprechen, macht Mitarbeitern Mut, eine eigene Meinung zu haben.

Die Basis des Ganzen ist Vertrauen. Das dauert lange, um es aufzubauen, und kann mit einem einzigen Satz zerstört werden.

Gehen Sie als Führungskraft mit bestem Beispiel voran und hinterfragen Sie auch einmal ganz offen im Team Ihre persönliche Meinung. Fördern Sie Querdenker und achten Sie auf Ihre Worte, wenn Mitarbeiter berechtigte Zweifel anbringen.

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