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Muss eine Führungskraft authentisch sein?

„Wer authentisch führt, agiert im Einklang mit seinen innersten Werten, Motiven und Emotionen.

Im Idealfall folgt eine authentische Führungskraft ihren eigenen hohen Maßstäben und ihrer Integrität. Dadurch gewinnt sie das Vertrauen ihrer Mitarbeiter und diese folgen ihr.“

So oder so ähnlich klingt es, wenn man nach Authentizität und Führung sucht.

Dabei bin ich davon überzeugt:

Authentische Führung ist ein Fehler

Wir wollen keine Führungskraft, die primär authentisch ist. 

Wir wollen und brauchen eine Führungskraft, die ihren Job professionell ausübt. 

Auch dann, wenn sie keine Lust dazu hat!

Vermutlich gibt es nur wenige Führungskräfte, die jeden Morgen mit dem inneren Antrieb aufwachen, ihre Mitarbeiter den ganzen Tag über zu kritisieren. Oder Mitarbeiter zu entlassen. Von Sadisten und Diktatoren einmal abgesehen.

Aber zur Führung gehören auch unangenehme Dinge dazu – und gerade bei den unangenehmen Führungsaufgaben scheiden sich gute Führungskräfte und Leader von denjenigen, die primär den Titel „Führungskraft“ und weniger die Verantwortung tragen wollen.

Der Trend zur „authentischen Führung“ sorgt sogar dafür, dass Führungskräfte dies

  • entweder als Rechtfertigung dafür nutzen, um sich als überheblicher, eingebildeter und selbstherrlicher Diktator aufzuführen und bei Kritik an ihrem autokratischen Führungsstil zu sagen „aber ich bin doch authentisch – das soll ich doch sein!“
  • oder aber, beispielsweise vor lauter Harmoniesucht und falsch verstandener Kollegialität, keine unangenehmen oder möglicherweise unbeliebten Entscheidungen zu treffen – und damit langfristig alle Arbeitsplätze zu riskieren!

Was bedeutet authentische Führung?

Unter authentischer Führung versteht man eine Führungskraft, bei der das wahrnehmbare Handeln mit der (von außen nicht sichtbaren) inneren Haltung übereinstimmt. Im Gegensatz dazu wird davon gesprochen, dass jemand „nicht authentisch“ führt, wenn man als Außenstehender den Eindruck hat, dass zwischen Handeln/Worten und der inneren Einstellung eine Diskrepanz herrsche.

Eine authentische Führungskraft sei dazu in der Lage, ihre eigene Bestimmung zu verstehen, die eigenen Werte zu leben, Beziehungen aufzubauen, jederzeit offen und ehrlich zu kommunizieren, und dabei auch ihre innere Haltung und Stimmung zu zeigen. Manchmal wird auch noch Selbstdisziplin, Aufrichtigkeit und Transparenz darunter verstanden.

Bevor ich zur Kritik an der Diskussion um authentische Führung komme, muss ich klarstellen:

Ich bin zu 100% der Meinung, dass eine Führungskraft absolute Glaubwürdigkeit haben muss. Und sie sollte ihre inneren Werte und ihre Überzeugung nicht nur kennen, sondern auch leben.

Keine Führungskraft soll ihre Mitarbeiter, Geschäftspartner oder Kunden kontinuierlich anlügen! Keine!

Aber in dem ganzen Authentizitätswahn in der Führung geht für mich eine entscheidende Facette verloren:

Führungskräfte haben eine Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten. Für Menschen, vielleicht auch Tiere, für die Umwelt.

Ist es dann eine gute Führung, wenn eine authentische Führungskraft, die ihre Mitarbeiter für Verschleissware hält, diese schneller verheizt als eine Dampflokomotive ihre Kohlevorräte?

Oder macht eine authentische Führungskraft einen guten Job, wenn sie einfach keine Konflikte ertragen kann und will – und sich deswegen seit Jahren darum drückt, den Mitarbeitern die Grenzen und Konsequenzen aufzuzeigen, die sich auf Kosten anderer Mitarbeiter ein schönes Leben machen oder sie mobben?

Führung erfordert Profis

Führung ist ein Job! Und da ist nicht immer Platz für die Gefühle der Führungskraft.

Das mag jetzt hart klingen.

Wenn Sie meine anderen Artikel lesen, werden Sie vielleicht sogar verwundert sein.

Aber mir geht es einfach auf den Keks, wenn das „sich selbst treu sein“ als ein höheres Gut dargestellt wird, als professionelle Führungsarbeit zu betreiben.

Doch was meine ich jetzt damit eigentlich?

Authentischer Chirurg oder professioneller Chirurg?

Authentischer Chirurg oder professioneller Chirurg?

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Unfall und müssten operiert werden.

Stellen Sie sich nun vor, Sie hätten es mit einem authentischen Chirurgen zu tun. Der feststellt, dass er heute wirklich nicht in der Stimmung ist, zu operieren. Wollen Sie, dass dieser Chirurg zu Ihnen sagt:

„Tja, die OP müsen wir leider verschieben. Denn ich will authentisch, also offen und ehrlich sein: Mir ist heute nicht nach Skalpel und Endoskop. Ich möchte heute Boot fahren“, sich umdreht und geht?

Sie wären sicherlich nicht begeistert.

Denn Sie würden von dem Chirurgen erwarten, dass er seinen Job macht. Auch dann, wenn er sich nicht danach fühlt. Und wenn er sich auf Dauer nicht danach fühlt, dann soll er sich gefälligst einen anderen Job suchen.

Und so ist es mit Führung: Führung kann und soll eine Berufung sein.

Aber es ist eben auch ein Job.

Wenn authentische Führung zur Egozentrik führt

In einem sehr unterhaltsamen und spannenden Podcast diskutieren Tim Ferriss und Seth Godin darüber, was Unternehmen und Menschen langfristig voranbringt. Dabei geht es auch um authentic Leadership und darum, dass die ganze Diskussion um Authentizität dazu führen kann (und oft wird), dass dadurch Egoismus und Egozentrik verstärkt werden.

Das mag für diesen Egoisten toll sein. Für alle anderen ist es eine Katastrophe.

Hier geht’s zum Podcast:

Seth Godin on The Game of Life, The Value of Hacks, and Overcoming Anxiety (#476)

Ein weiterer „Tipp“ zur authentischen Führung, den ich gefunden habe, sorgt für ähnliche Probleme:

„Was andere von dir denken, geht dich gar nichts an.“ 

Und soll bedeuten: Mach dir keinen Kopf, was in den Köpfen anderer vorgeht.

Was einerseits ja richtig ist. Denn wer sich ständig nur Gedanken darüber macht, was andere über ihn/sie denken, der kommt nie dazu, etwas zu tun. Aber viele werden diesen Tipp ganz anders interpretieren und sagen:

„Es soll mir egal sein, was andere über mich denken? Super. Dann kann ich also genauso gemein, unfair und subjektiv handeln, wie ich will. Und ich muss mir auch keine Gedanken mehr darüber machen, wie meine Aussagen und mein Handeln bei anderen ankommt. Solange ich authentisch bin.

Was Tyrannen und Egomanen Vorschub leisten wird.

Gute Führung ist das nicht!

Führungskräfte sollten meistens authentisch sein – aber nicht immer

Auch Springer Professional beschäftigt sich damit:

„Authentische Führungskräfte sind sich ihrer eigenen Werte und Einstellungen bewusst. Sie sind in der Lage, diese offenzulegen und zeigen Verhaltensweisen in Übereinstimmung mit ihren Überzeugungen.“ 

Klingt gut, aber gerade in kritischen Situationen muss man manchmal auch so handeln, wie man es eigentlich nicht möchte.

Führung bedeutet nicht, immer das zu tun, was man gerne macht und wovon man innerlich überzeugt ist. 

Führung bedeutet, das zu tun, was für das große Ganze nötig ist! Selbst dann, wenn man gerne anders handeln würde.

Es heißt, dass Authentizität dann entsteht, wenn Fühlen, Denken, Sprechen und Handeln dem gleichen Ursprung entstammen.

Und man agiert authentisch,

  • wenn man das, was man fühlt, als Gedanken zulässt,
  • es auch genauso so sagt, wie man es fühlt und denkt
  • und dann passend zu seiner Aussage „agiert“.

Wollen Sie wirklich einen Chef, der Ihnen sagt, dass Sie ein Volldepp sind und er Sie am liebsten feuern würde, weil er Ihren Dialekt nicht ausstehen kann? Oder Ihre Nase?

Führungskräfte sollten die meiste Zeit genauso sein und handeln, wie sie innerlich denken und fühlen.

Sie sollen sich nicht permanent verstellen, um einem Bild gerecht zu werden, von dem sie gerne hätten, dass andere sie so sehen. 

Denn selbst professionelle Schauspieler können nicht 365 Tage im Jahr eine Rolle spielen!

Aber es gibt eben auch Zeiten, Situationen oder Themen, bei denen es besser ist, wenn eine Führungskraft ihre eigene Meinung für sich behält.

In Krisen sind Profis gefragt – keine Authentizitätsfans!

Wenn Sie meine anderen Artikel lesen, wenn Sie meine Trainings oder Online-Kurse für Führungskräfte besuchen, dann wissen Sie sehr gut, dass ich ein absoluter Verfechter der situativen Führung und der eher mitarbeiterorientierten, coachenden Führung bin.

Grundsätzlich empfehle ich Führungskräften immer, einen sehr engen Dialog mit ihren Mitarbeitern zu führen. Ihnen Entscheidungsfreiheiten zu geben, eine gesunde Fehlerkultur zu pflegen und auch einmal über eigene Fehler und Probleme zu sprechen.

Und das zählt auf jeden Fall als authentische Führung.

Doch insbesondere in Krisen kommen authentische Führungskräfte sofort an ihre Grenzen.

Man muss zugeben, dass die meisten Führungskräfte in Krisen an ihre Grenzen kommen, weil viele bereits bei ruhiger See schon überfordert sind.

Wenn wir uns jedoch in einer Krise befinden, dann darf eine Führungskraft gar nicht mehr zu 100% offen und ehrlich sein!

Eine Führungskraft muss in einer Krise Mut machen, selbst wenn sie nicht daran glaubt!

Sie muss aktiv handeln, Entscheidungsstärke zeigen und voranschreiten, selbst wenn sie sich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen würde!

Sie darf und sollte auch andere Meinungen, Anregungen und Ideen einholen. Sie sollte gemeinsam mit Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an den unlösbaren Problemen arbeiten, die vor ihnen liegen. Sie darf auch mal sagen, dass die Situation schwierig ist.

Aber es ist ihre professionelle Pflicht, auch in den dunkelsten Zeiten aktiv zu sein und überzeugt zu handeln. Selbst wenn sie keine Ahnung hat, ob der Rettungsplan funktionieren wird.

Denn wenn die Führungskraft am Rettungsplan zweifelt und das auch sagt, dann werden die allermeisten Mitarbeiter sofort alle Hoffnung fahren lassen und aufgeben.

Fazit authentische Führung

Es ist wichtig, dass Führungskräfte glaubwürdig handeln und mit sich selbst im Reinen sind.

Es ist aber falsch, wenn Führungskräfte immer genau so reden und handeln sollen, wie sie sich gerade fühlen.

Führung ist ein Job für Profis.

Wer immer er selbst sein möchte, sollte etwas anderes machen.

 

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